Leon Goretzka wählte den Knierutscher, einen sehr emotionalen und erdigen Torjubel. Der Neuzugang aus Schalke war sich sicher, das Tor zu seiner ersten Meisterschaft geschossen zu haben. Der Leipziger Abwehrmann Ibrahima Konaté hatte den Ball nicht aus der Gefahrenzone geköpft, sondern vor die Füße von Goretzka, der mit einem Scherenschlag das vermeintliche 0:1 erzielte. Es war eins der Spiele, bei dem wohl der gewinnt, der das erste Tor schießt. "Nu, eischentlich worn mir scho Meisder", sagte ein sächsischer Bayernfan nach dem Abpfiff.
Tatsächlich schienen die Bayern schon Deutscher Meister, denn dazu hätte ein Sieg in Leipzig genügt. Doch dann pfiff der Schiedsrichter Manuel Gräfe nicht an und griff sich an sein Headset. Was das bedeutet, weiß inzwischen jeder Fußballfan: Der Videoschiri meldet sich. Nach gut einer Minute entschied er: kein Tor, denn Robert Lewandowski, der den Ball unabsichtlich weitergeleitet hatte, stand knappst im Abseits.
Weil auch danach kein Tor mehr fiel und es beim 0:0 blieb und gleichzeitig Dortmund 3:2 gegen Düsseldorf gewann, darf sich die Bundesliga auf eine Titelentscheidung am letzten Spieltag freuen, erstmals seit zehn Jahren. Der BVB kann die Bayern noch überholen, wenn er gewinnt und sie verlieren.
Die Szene des Bayernspiels war mit bloßem Auge nicht verlässlich zu bewerten, selbst die vielen Zeitlupen und Standbilder tilgten nicht die letzten Zweifel, ob sich Lewandowski näher an der Torlinie befand als sein Gegenspieler. Und welcher Körperteil eigentlich gezählt haben soll, Hüfte, Schulter, Brust, Fuß oder Fuß. Es kann sich allenfalls um drei Millimeter gehandelt haben. In der neuen technischen Welt ist das offenbar Abseits.
Hätte sich Lewandowski vor dem Spiel die Fußnägel schneiden lassen, das Tor hätte womöglich gezählt. Es gibt in Leipzig ausgezeichnete Pediküresalons, das Studio Eileen zum Beispiel hat im Internet gute Bewertungen, auch an mobilen Fußpflegediensten bietet die Stadt eine Auswahl. Hinterher ist man natürlich schlauer.
Es war nicht unbedingt eine Fehlentscheidung. Dennoch regte sich Uli Hoeneß über den "Witz des Jahres" auf und nur weil sich Uli Hoeneß aufregte, hieß das nicht, dass er ganz Unrecht hatte. Marco Fritz, der Mann im Kölner Keller, wollte wohl nicht, dass die Bayern durch ein fragliches Tor Meister werden, nachdem ihnen zwei Schiris schon beim Einzug ins Pokalfinale mit einem Elfmeter geholfen hatten.
Auch sonst kamen die Bayern dem Tor näher als Leipzig. Serge Gnabry boten sich in der ersten Halbzeit zwei Chancen, eine weitere in der zweiten. Beinahe hätte der 36-jährige eingewechselte Franck Ribéry mit der Hacke den Tormann überwunden. Robert Lewandowski setzte einen Freistoß nur ganz knapp neben den Pfosten.
Leipzig verteidigte nicht schlecht
Die Bayern waren die bessere Mannschaft, doch ihre Angriffe waren nicht immer gut strukturiert, aus der zentralen Zone vor dem Strafraum entstand wenig Gefahr für Leipzig. Viele Pässe, Flanken, Schüsse fanden nicht das Ziel.
Auf der anderen Seite verteidigte Leipzig nicht schlecht. Konaté ließ Lewandowski einige Male abprallen, Marcel Halstenberg schloss die linke Seite, Péter Gulácsi hielt gewohnt sicher. Leipzig präsentierte sich, im Gegensatz zu Dortmund vor einem Monat, den Bayern als fast ebenbürtiger Gegner und hat daher auch eine Chance im Pokalfinale in zwei Wochen.
Auf Kombinationen hingegen sind Mannschaften von Ralf Rangnick nicht angelegt. Und so rannte Konrad Laimer meist mit gesenktem Blick hin und her. Marcel Sabitzer ließ sich oft den Ball klauen. War Timo Werner gedanklich schon in der Zukunft oder warum passte er so oft zu denen in den grauen Trikots? Die Leipziger Fehlpassquote erreichte Prozentzahlen, von denen die AfD in Sachsen nur träumen kann.
Man lugte nach Dortmund
Mit ein bisschen Glück erreichte das Red-Bull-Team den ersten Punkt aus einem der vier Duelle mit den beiden Mannschaften, die vor ihnen stehen. Gegen Augsburg oder Gladbach funktioniert das Gegen-den-Ball-System meist ordentlich, doch es stößt schnell an Grenzen, wenn die Leipziger auf technisch begabte Fußballer wie Thiago treffen, der sich den Ball nicht einfach so abjagen lässt. Mit ein paar Pässen ließen die Bayern nicht selten sechs bis acht schnaubende Bullen ins rote Tuch laufen.
Letztlich wurde ein klarer Unterschied sichtbar zwischen dem Niveau dieses deutschen Spitzentreffens im Vergleich mit den jüngsten Spektakeln im Europapokal. Das Tempo war insgesamt nicht hoch und wenn die Partie mal schnell wurde, litt die Präzision. In einer Szene in der ersten Halbzeit wechselte der Ballbesitz bei sechs Passversuchen sechs Mal die Seite. Wie in der Flipperhalle.
Dortmund hat eine reelle Chance
Spannend war es natürlich, auch weil die meisten im Stadion immer mal wieder verfolgten, was in Dortmund passiert. Die Ergebnisse wurden nicht eingeblendet, aber die Liveticker liefen. Der BVB führte 2:1, auch kurz vor dem Abpfiff noch. Es fielen Sätze wie: "Bei den Dortmundern muss man mit allem rechnen."
Es geschah dann etwas, mit dem man doch nicht gerechnet hatte. Der BVB vergeigte um ein Haar einen Zweitorevorsprung in der Nachspielzeit – gegen zehn Düsseldorfer, die zwei Mal das 3:3 vergaben. Es wäre eins symptomatisches Ende in diesem Titelkampf gewesen, wenn Bayern nicht durch einen Sieg, sondern durch eine Dummheit der Dortmunder den Titel gesichert hätte. Die wirken seit Wochen, gar Monaten nicht mehr meisterhaft.
Aber Dortmund hat nun eine reelle Chance. Nächste Woche reisen sie nach Gladbach. Und die Eintracht aus Frankfurt, ein ohnehin unangenehmer Gegner, besucht ihren alten Trainer Niko Kovač an seinem neuen Arbeitsplatz. Wer sich an dessen leicht unwürdigen Abschied erinnert, wird nicht überrascht sein, dass manche Hessinnen und Hessen nicht nur Blumen zum Wiedersehen mitbringen.
Letztmals wurde der Meister 2009 am letzten Spieltag gefunden. Bayern München, die von Markus Babbel trainierten Stuttgarter und der VfL Wolfsburg, der es letztlich schaffte, waren im Rennen. Ein Jahr später war Bayern praktisch nicht mehr von Schalke einzuholen. Seitdem stand der Meister jeweils vor dem Ultimo fest, zunächst zwei Mal die Dortmunder, dann sechs Mal die Bayern.
Für das Produkt Bundesliga ist dieser Showdown gut, für die Bayern wäre ein Titel auf den letzten Metern zudem schöner. Entsprechend gelassen gaben sie sich nach dem Abpfiff. "Ich habe keine Sorge", sagte Karl-Heinz Rummenigge, "dass wir nicht nächste Woche die Meisterschaft klarmachen werden." Doch die erste Chance haben die Bayern vergeben.
https://www.zeit.de/sport/2019-05/bundesliga-rb-leipzig-fc-bayern-muenchen
2019-05-12 07:05:12Z
52781715516411
Bagikan Berita Ini
0 Response to "RB Leipzig – FC Bayern München: Zum Titel fehlten drei Millimeter - ZEIT ONLINE"
Post a Comment